„Jeder soll ein bißchen auf den anderen schauen.“

Oberbürgermeister Dieter Reiter im Interview über die Rolle von gesellschaftlichem Engagement in München

Wieso ist das gesellschaftliche Engagement von Menschen für eine Stadt wie München so wichtig?

Eine Gemeinschaft ist vor allem dann eine echte Gemeinschaft, wenn sich Menschen mit- und füreinander einsetzen. Dies gilt insbesondere in einer Großstadt wie München, in der das Zusammenleben zuweilen auch von Anonymität geprägt ist und Menschen von Einsamkeit bedroht oder gar betroffen sind.

Herausforderungen, die man gemeinsam meistert, haben zudem eine identitätsstiftende Wirkung und stärken die Stadtgesellschaft und den Zusammenhalt insgesamt. Ganz oft sind es die kleinen Gesten von Menschen, die verlässlich über einen langen Zeitraum eher im Stillen wirken, die Seniorinnen und Senioren ein paar Stunden Gesellschaft schenken, damit sie nicht allein sind.

Andere helfen Kindern in der Nachbarschaft bei den Hausaufgaben, weil die Eltern arbeiten müssen, oder sie engagieren sich in Vereinen oder erledigen Einkäufe und Behördengänge. Wieder andere machen sich Gedanken, wie ihr Stadtviertel noch schöner werden könnte, die Plätze und die Grünflächen. Neben den professionellen Hilfsangeboten stellt das Ehrenamtliche Engagement von Bürgerinnen und Bürgern in all seiner Vielfalt eine nicht mehr wegzudenkende Ressource und wichtige Unterstützung dar.

Wie vermeidet man es, dass privates Engagement und staatliche Funktionen konkurrieren?

Die Landeshauptstadt München versteht das private, ehrenamtliche Engagement immer als eine sehr wichtige und hoch bedeutsame, jedoch auch zugleich als ergänzende und nicht als ersetzende Ressource. Deshalb prüft die Stadtverwaltung auch Förderanträge aus dem Bereich ehrenamtliches Engagement immer unter dem Gesichtspunkt „Ergänzung und Vermeidung von Parallelstrukturen“ und wie derartige Initiativen zu dem bereits bestehenden professionellen Hilfesystem passen.

Können Sie das vielleicht am Beispiel der Flüchtlingshilfe in München fest machen, sie gilt ja als beispielhaft?

Insbesondere im Bereich der Akutversorgung und der „spontan“ benötigten Unterstützung der (ankommenden) Flüchtlinge in München hat sich gezeigt, wie wichtig das Miteinander von Behörden und ehrenamtlich organisierten Helferkreisen ist.

„Hand in Hand“ arbeiteten städtische Kolleginnen und Kollegen mit ehrenamtlichen Initiativen zusammen, um die ankommenden Flüchtlinge mit Essen, Kleidung, medizinischer Betreuung etc. zu versorgen. Neben der Akutversorgung engagieren sich sehr viele Münchnerinnen und Münchner entweder alleine oder in Helferkreisen, in dem sie Zeit spenden, beispielsweise Deutschkurse geben oder bei Freizeitangeboten mitwirken oder sie unterstützen mit Geld – und Sachspenden.

Welche Rolle können oder sollen Unternehmen spielen bei gesellschaftlichem Engagement?

Stiftungen und Unternehmen zeigen ihre Solidarität und ihre Bereitschaft, sozial bedürftige Münchnerinnen und Münchner tatsächlich, spontan und nachhaltig wirksam zu unterstützen, neben ihren zeitlichen Spenden, insbesondere auch mit Geld- und Sachspenden. Die gesamtstädtische Anlaufstelle zum Gesellschaftlichen Engagement von Unternehmen, die im Sozialreferat angesiedelt ist, berät Unternehmen dahingehend, wie sie sich am besten mit Know- How bzw. Geld- und Sachspenden ehrenamtlich engagieren können. Das Engagement von Klein-, Mittelständischen bzw. Großunternehmen nimmt kontinuierlich zu. Das Interesse von Unternehmen geht auch zunehmend weg von einmaligen Engagement und hin zu strategischen und nachhaltigen Partnerschaften.

„Hauptsache irgendetwas mit Kindern“ hört man manchmal, wenn sich Menschen engagieren wollen. Wo sehen Sie die eher verborgenen, vergessenen Bereiche?

Viele Menschen, die sich erstmalig ehrenamtlich engagieren wollen, haben oft keine genaue Vorstellung davon, in welchen unterschiedlichen Bereichen Ehrenamt möglich ist und gebraucht wird. Deshalb ist für sie der Bereich „Unterstützung für Kinder“ am scheinbar naheliegendsten. „Verborgene bzw. vergessene Bereiche“ an sich gibt es nicht. Auch gibt es nur sehr wenige Zielgruppen, die sich nicht für ehrenamtliches Engagement eignen, da sie vielleicht eine Überforderung für Ehrenamtliche darstellen würden. Die Stadtverwaltung hat deshalb gemeinsam mit freien Trägern Maßnahmen ergriffen, um die vielfältigen Möglichkeiten, sich außerhalb des Bereichs „Kinder“ zu engagieren, stärker in die Öffentlichkeit zu transportieren und für ein diesbezügliches Engagement zu werben.

Welche Themen liegen dem Oberbürgermeister persönlich besonders am Herzen?

Zusammenhalt und ein gelungenes Miteinander liegen mir besonders am Herzen, damit sich möglichst alle Münchnerinnen und Münchner in der Mitte unserer Gesellschaft wiederfinden, nicht am Rand oder außen vor. Wenn jeder ein bisschen auf den anderen schaut und sich nach seinen Möglichkeiten in diese Stadtgesellschaft einbringt, haben alle etwas davon.